Humberto Sierra ehrenamtlicher Helfer des Schiedsrichterteams bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1986™
Besonderes Geschenk für Sierra nach dem historischen WM-Viertelfinale 1986
Später selbst Einsatz als internationaler FIFA-Schiedsrichter
Mit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1986™ schrieb Mexiko – bereits 1970 WM-Gastgeber – als erstes Land Geschichte, das das Turnier zum zweiten Mal veranstalten durfte.
Auf dem Platz schaffte die mexikanische Nationalmannschaft einen beeindruckenden Lauf und erreichte ungeschlagen das Viertelfinale. Dort lieferten die Mexikaner der BR Deutschland, die bis ins Finale vorstossen und dort Argentinien unterliegen sollte, einen harten Kampf. Am Ende mussten sie sich nach einem 0:0 nach Verlängerung aber im Elfmeterschiessen mit 1:4 geschlagen geben.
Es war ein bitteres Ende, das für Humberto Sierra aber einen süssen Beigeschmack hatte. Der damalige Schiedsrichter stand bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ als ehrenamtlicher Helfer des Schiedsrichterteams im Einsatz.
„Wir sollten die Schiedsrichter chauffieren. Uns wurde mitgeteilt, wann sie am Flughafen ankommen würden, damit wir sie abholen konnten. Wir fuhren sie ins Hotel und fragten sie, ob sie die Stadt besichtigen möchten.“
So lernte er den Kolumbianer Jesús Díaz Palacios kennen, der am 21. Juni 1986 im Monterrey-Stadion jenes Viertelfinalspiel leiten sollte. Nach dem Spiel tat er etwas, was Sierra nie vergessen wird.
„Meine wichtigste Erinnerung an diese Weltmeisterschaft ist das Viertelfinalspiel“, erzählt Sierra. „Das Stadion war bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Weg zum Stadion haben wir uns mit den Schiedsrichtern unterhalten. Sie haben ihre Strategie besprochen, und ich weiss noch, dass viel Verkehr herrschte.“
„Als wir beim Stadion ankamen, gingen die Schiedsrichter in die Umkleidekabine, und wir blieben draussen. Es war ein wunderbares Gefühl. Auch wenn ich keine Schiedsrichterkleidung, sondern einen Anzug trug, fühlte ich mich als Teil des Teams.“
Dann kommt er zu dem Teil der Geschichte, der das Ende der mexikanischen Träume bedeutete – ein trauriger Moment für das Gastgeberland, verbunden mit einem für Sierra unvergesslichen Ereignis. Sein Gesicht strahlt, als er daran zurückdenkt: „Als das Spiel zu Ende war, passierte etwas Unglaubliches. Der Schiedsrichter verabschiedete sich von allen, drehte sich um zum Linienrichter und sagte: ,Dieser Ball ist für dich.‘ Er gab dem anderen Schiedsrichterassistenten und Spielkommissar Roger Marchand aus Frankreich ebenfalls einen Ball und sagte dann zu mir: ,Humberto, dieser Ball ist für dich.‘“ Sierra ist sichtlich bewegt, als er mit dem Ball in den Händen die Geschichte erzählt.
„Was für ein fantastisches Andenken an meine Zeit bei dieser Weltmeisterschaft. Ich bin sehr stolz darauf. Es ist unbezahlbar – wie eine Trophäe.“
Im Laufe der Jahre hat sich der Ball zu einem Relikt entwickelt, das alle Betrachter fasziniert.
„Ich habe diese ‚Trophäe‘ schon sehr lange und meinen Kindern immer wieder davon erzählt. Ich werde oft darauf angesprochen und gefragt, ob [Francisco Javier] Cruz mit diesem Ball das aberkannte Tor erzielt hat oder ob der Ball für das Elfmeterschiessen verwendet wurde. Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass er irgendwann während des Spiels zum Einsatz gekommen ist. Bei dieser WM durften zum ersten Mal fünf Bälle eingesetzt werden.“
„Wenn ein Ball ins Aus ging, kam ein anderer ins Spiel“, erklärt er. „Irgendwann während dieser 90 Minuten, der 30-minütigen Verlängerung oder des Elfmeterschiessens wurde dieser Ball verwendet. Ich hüte ihn wie einen Schatz. Zuerst war er eine schöne Erinnerung. Jetzt ist er eine Herzenssache, auf die ich sehr stolz bin.“
Schon damals war Sierra Schiedsrichter. „Ich habe Spiele in der ersten Liga geleitet und besass das FIFA-Schiedsrichterabzeichen“, sagt er, während er das Abzeichen stolz präsentiert. Er gehörte zur ersten Generation von Schiedsrichterassistenten. Die WM 1986 bildete den Auftakt zu einer erfolgreichen internationalen Schiedsrichterkarriere.
Sierra freut sich, dass die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ nach Mexiko und Monterrey zurückgekehrt ist und hier zum dritten Mal frenetisch gefeiert wird.
„Wir sind begeisterte Fussballfans, aber auch offen und freundlich. Das ist einer der Gründe für die Rückkehr der WM. 1986 haben wir Fans aus aller Welt herzlich empfangen. Das hat die FIFA sicherlich davon überzeugt, Mexiko zum Co-Veranstalter zu ernennen.“
Sierra konnte im Monterrey-Stadion beim Spiel der Gruppe A zwischen Südafrika und der Republik Korea erneut in die WM-Atmosphäre eintauchen und war vor allem vom Protokoll vor dem Spiel beeindruckt.
„Bei jeder Ausgabe gibt es etwas Neues. Die beiden Nationalflaggen auf dem Spielfeld, die Spieler der Startelf sowie die Einwechselspieler, die gemeinsam auf den Platz marschieren, sich für die Nationalhymnen aufstellen und die Schiedsrichter begrüssen … all das gab es bei einer WM noch nie. Mit solchen FIFA-Innovationen liegt die Messlatte für künftige Turniere noch höher.“
Angesprochen auf das Spiel zeigt sich Sierra durch und durch als Schiedsrichter: „Ich war zwar als Fan dort, hatte aber dennoch immer die Leistung der Schiedsrichter im Blick. Ich habe die Laufwege und Entscheidungen des Schiedsrichters verfolgt. Ich kann einfach nicht anders. Eine Verwarnung, ein Freistoss, ein Einwurf ... Ich merke, dass ich das Spiel aus der Schiedsrichterperspektive beurteile.“
Dabei wurde Sierra eher zufällig Schiedsrichter.
„Ich arbeitete an der Universidad Autónoma de Nuevo León, wo mein direkter Vorgesetzter Schiedsrichterinstrukteur war. Er gab mir ein Exemplar der Spielregeln. Ich war fasziniert und begann, mit ausgebildeten Schiedsrichtern zu trainieren. Ich mochte die Disziplin und die Struktur.“
Schritt für Schritt arbeitete er sich hoch. „Disziplin und Fairness waren mir am wichtigsten. Ich kann auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Einmal wurde ich in Mexiko zum besten Linienrichter der Saison gekürt. In der zweiten Liga wurde ich später als bester Schiedsrichter ausgezeichnet und stieg in die erste Liga auf. 1992 gehörte ich zur ersten Generation von Schiedsrichterassistenten, und in Monterrey war ich der erste Schiedsrichter mit einem FIFA-Abzeichen“, erzählt er und zeigt das Abzeichen sowie Fotos von den Länderspielen, bei denen er als Schiedsrichter im Einsatz war.
Die Arbeit der Schiedsrichter hat sich im Lauf der Zeit erheblich verändert. Er verweist dabei auf eine Neuerung, von der die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ sehr profitiert hat: „Zu meiner Zeit war das Regelwerk sehr dünn: 17 Regeln und ein paar Anweisungen. Heute ist es viel dicker. Vieles hat sich verändert. Die Video-Schiedsrichterassistenten wurden eingeführt – eine hervorragende technologische Innovation. Jede Regeländerung, die die Schiedsrichter unterstützt oder das Spiel verbessert, ist mehr als willkommen.“